Kornelia Röder
Untersuchungen von Künstlern zu Phänomenen der Kunstgeschichte stellen seit geraumer Zeit ein breitgefächertes Thema der zeitgenössischen bildenden Kunst dar. Der Bilderzyklus von Matthias Siggelkow widmet sich einem seit der griechischen Antike bekannten Begriff der ‚Hybris‘. Er bedeutet Anmaßung, Selbstüberschätzung, Hochmut, Realitätsverlust, Vermessenheit, Selbstüberhebung, Zügellosigkeit, Gier, Lüsternheit, Frevel und Raub. Verhaltensweisen, die sowohl für antike Götter als auch für Menschen Unheil mit sich bringen. Matthias Siggelkows Bilderzyklus ist das Ergebnis seiner Reisen durch bedeutende Museen der Welt. Dort „sammelte“ er Gemälde, Skulpturen, aber auch Fotografien von Künstlern, Literaten, die zum einen mit der von ihnen erschaffenen Bildwelt als auch mit ihrer eigenen Biografie mit dem ‚Hybris‘-Begriff in Verbindung stehen. Die Kunstgeschichte ist reich an solchen Darstellungen und Persönlichkeiten, wie die Sammlung von Matthias Siggelkow mit ca. 500 Werken anschaulich werden lässt. Sein Kompendium speist sich vorwiegend aus Gemälden, die im Louvre in Paris, im Prado im Madrid, der Ermitage in Sankt Petersburg, dem Rijksmuseum in Amsterdam, dem Kunsthistorischen Museum in Wien, dem Getty Museum in Los Angeles und dem Staatlichen Museum Schwerin zu sehen sind. Sein Streifzug durch die Kunstgeschichte beginnt mit einer mittelalterlichen Madonna aus einer der imposanten Kirchen Stralsunds erstreckt sich über Gemälde der Renaissance, des Goldenen Zeitalters der niederländischen Malerei, des Impressionismus bis hin zu Werken von Vertretern der Klassischen Moderne. Bilder von Hans Baldung Grien, Frans Hals, Gerrit van Honthorst, Rembrandt van Rijn, Hendrick ter Brugghen, Caravaggio, Vincent Van Gogh, Adolph Menzel, Edvard Munch und Wilhelm Busch befinden sich darunter. Ebenso Porträtfotografien des Bildhauers Auguste Rodin und des Literaten Hans Fallada.
Die Werkauswahl verbindet Kunstwerke und deren Schöpfer miteinander, die sich nicht an gesellschaftliche Normen ihrer Zeit gehalten haben. Ob Rembrandt, Van Gogh oder Fallada – alle diese Künstler eint eine Lebensgeschichte, die von Höhen und Tiefen gekennzeichnet war. Der heute so berühmte Maler Caravaggio wurde sogar wegen Mordes verfolgt. Matthias Siggelkow stellt sich mit seinem Bilderzyklus die Fragen, ob die Intensität der Werke dieser Künstler nicht auch von ihrer extremen Lebenssituation bzw. ihrer unangepassten Lebensweise geprägt wurde?
Für seine Untersuchungen zum Thema ‚Hybris‘ nutzt er das Verfahren des Kopierens, das seit Jahrhunderten für die Verbreitung von Kunst eingesetzt wird. Die Basis für den Akt seiner Interventionen, die Matthias Siggelkow mit malerischen Mitteln ausführt, bilden die mit einem Kopiergerät angefertigten Schwarz-Weiß-Kopien der von ihm ausgewählten Kunstwerke. Mit seinen Ergänzungen, Hinzufügungen oder Auslöschungen von Bildelementen nimmt er eine Neukontextualisierung der Originale vor. Die Ursprungsmotive bleiben dabei erkennbar. Er sucht nicht die Herausforderung mit den Giganten der Kunstgeschichte. Ihn interessieren in erster Linie der Transformationsprozess und die Fokussierung auf den ‚Hybris‘-Aspekt. In seine Form der Auseinandersetzung ist auch die Reflexion über den durch Kunstwerken vermittelten Werte-Kanon und dessen Veränderungen einbezogen. Angeregt durch die kunsttheoretischen Untersuchungen von Sebastian Dohe stellen sich Matthias Siggelkow bei seiner Reise durch die europäische Kunstgeschichte auch Fragen nach der Bedeutung einer „bildgewordenen Würde“ und einer „visuellen Autorität“.¹ Dabei gerät der Blick der dargestellten Personen und die damit verbundene Entrücktheit, Vergeistigung, Transzendenz in den Mittelpunkt seines Interesses. Auch der „Einsatz des himmelnden Blicks“² als erhebendes Moment ist nicht nur in biblischen Motiven zu finden, sondern fungiert darüber hinaus als „visuelle Autorität“³ über Jahrhunderte hinweg.
Die malerischen „Eingriffe“ von Matthias Siggelkow lassen aus der Kopie wieder ein Original werden. Im zweiten Schritt der Transformation wird mittels eines Farbscanners das Original erneut in eine technisch veränderte Kopie überführt. Waren es vor einigen Jahren noch die klassischen grafischen Reproduktionstechniken wie Kupferstich, Radierung, Aquatinta, Lithografie, Heliogravüre oder Lichtdruck, die für die Verbreitung von bedeutenden Werken der Kunstgeschichte genutzt wurden, folgen im 20. Jahrhundert die Copy Art und Fax Art. Gegenwärtig entwickelt sich mit der Scan Art eine neue Vervielfältigungstechnik im Bereich der bildenden Kunst. Wie jedes andere drucktechnische Vervielfältigungsverfahren bringt auch sie neue visuelle und ästhetische Ausdrucks- und Gestaltungsformen hervor. Walter Benjamins Essay Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit erfährt im Zusammenhang mit den von Matthias Siggelkow vorgenommenen Transformationen eine neue Aktualität. Der Verlust der Aura kann beim Betrachten seines Bilderzyklus weiterführend diskutiert werden. Kunstgeschichte und deren theoretische Reflexionen werden für ihn zum produktiven Feld künstlerischer Auseinandersetzung. Das Ergebnis seiner Erkundungen – in einer Bildersammlung vorgestellt – führt zum Gewinn für das Verständnis der Wirkungskraft von originalen Kunstwerken und deren Bedeutung im Zeitalter einer vorwiegend medial erzeugten Bilderwelt. Matthias Siggelkows bildreflektierende Arbeit animiert den Betrachter, eine Rückkopplung zum Original zu vollziehen, über den Weg der von ihm vorgenommenen subjektiven künstlerischen und reproduktiven Transformationen. Damit entwickelt er einen eigenständigen Beitrag im Bereich der von Künstlern vorgenommenen Untersuchungen zur bildenden Kunst und deren zeitlosen Wirkungspotentialen.
¹ Sebastian Dohe: Leitbild Raffael – Raffaels Leitbild. Das Kunstwerk als visuelle Autorität, Dissertation, Philosophische Fakultät der Universität zu Köln, Petersberg 2004, S. 114ff., 248ff.
² Ebenda, S. 248
³ Ebenda, S. 114-116